Wie viel Chaos braucht der Mensch?

Ein gewisses Maß an Chaostoleranz sollte jeder Selbstständige mitbringen, will er sein Unternehmen wirtschaftlich auch nur halbwegs erfolgreich führen. Schließlich können sie zahlreiche Faktoren wie Auftragslage, Krankenstand der Mitarbeiter – sofern solche beschäftigt werden – und Fälligkeiten oder Vorfinanzierungen nicht oder nur bis zu einem gewissen Grad selbst beeinflussen. Was die Nerven eines Handwerkers schon an die Grenzen der Belastungsfähigkeit bringen kann, stellt für einen Freelancer, der in einem kreativen Beruf vom Homeoffice aus arbeitet, oft nur einen Bruchteil der möglichen Chaosfaktoren statt.

„Du hast doch eh immer Zeit“

 

Diesen Satz dürfte wohl jeder, der sich als Texter, Grafiker oder in einem ähnlichen Betätigungsfeld selbstständig macht, wohl zur Genüge kennen. Denn gerade am Anfang der Selbstständigkeit, wenn eigentlich jede freie Minute in Dinge wie Kundenakquise, Einarbeitung in die Materie oder den Aufbau eines Netzwerks investieren sollte, machen nur allzu oft die Mitglieder der lieben Familie oder Freunde einen Strich durch die Rechnung. Weil man ja eh zu Hause ist und sich die Zeit frei einteilen kann, wird vom persönlichen Umfeld häufig erwartet, dass man sich jetzt ein paar Minuten Zeit zu nehmen hat, weil eine Spinne im Kellerfenster sitzt oder ähnliche Katastrophen den nahenden Weltuntergang ankündigen. Aus den paar Minuten, die man sich natürlich prinzipiell gern nimmt, werden dann halt allzu schnell ein paar Stunden. Die Folge sind nicht selten nervenzehrende Nachtschichten, die schnell an die Substanz gehen, weil halt am nächsten Morgen der Wecker zur gewohnten Zeit klingelt.

Raus aus der Chaosfalle

 

Wie gravierend dieses Chaos-Problem sich im Einzelfall darstellt, hängt natürlich stark vom persönlichen Umfeld – beziehungsweise der Wertschätzung der eigenen Arbeit – ab. Wer sich aus der Arbeitslosigkeit – wie in meinem Fall – oder aus einer Babypause, wie es bei vielen Kollegen der Fall ist, selbstständig macht, hat es hier natürlich um einiges schwerer als jemand, der sich die freiberufliche Existenz nebenbei Stück für Stück aufbauen kann und nicht ins kalte Wasser springen muss. Der Grund: Die Arbeit von zu Hause aus wird meist erst als Arbeit anerkannt, sobald Resultate auf dem Kontostand ersichtlich sind.

Rechtzeitig Grenzen ziehen und ein Stück Selbstdisziplin vom ersten Tag an können helfen, um im persönlichen Umfeld das Chaos zu reduzieren. Feste Bürozeiten, in denen auch diszipliniert gearbeitet wird, können helfen, wenn zugleich auch signalisiert wird, dass eine Störung aus nichtigem Anlass nicht erwünscht ist.

Der persönliche Chaos-Faktor

 

Erschwerend kommt das Chaos hinzu, das sich Kreative nur zu gerne selbst an die Backe organisieren. Wer vom selbst erwirtschafteten Umsatz leben muss, neigt beispielsweise gern dazu, ein Auge auf volle Auftragsbücher zu haben. Wie lange die Bearbeitung im Endeffekt dauert, lässt sich im Vorfeld allerdings nur grob einschätzen. Die Leistung hängt etwa stark von der jeweiligen Tagesform ab. Mein persönlicher Rekord etwa liegt bei 1.000 Wort pro Stunde, den ich auch über einen kompletten Arbeitstag halten kann – wenn es sich um Texte handelt, die mir leicht fallen. Es gibt aber auch Tage, an welchen ich froh bin, 1.500 Wort zu schaffen. Mit etwas Erfahrung und entsprechend gesteckten Abgabeterminen lässt sich allerdings zumindest ein durschnittlicher Wert einschätzen.

Weil jeder anders arbeitet – der eine braucht einen nahezu steril aufgeräumten Arbeitsplatz, der andere fühlt sich in einem Büro, das an einen schlechten Detektivfilm aus den 1950er Jahren erinnert – am wohlsten, sollte man in jedem Fall einen eigenen, fixen Arbeitsbereich haben. Ich persönlich brauche mein ganz persönliches Chaos auf dem Schreibtisch und könnte mit einem Klarsichthüllen-Menschen, nicht zusammenarbeiten.

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Harry Sochor

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