Fluch und Segen der „Smartphone-Kultur“ – oder der leise Rückzug der Handschrift

Mit bestimmten Beobachtungen ist es wie mit dem Bus. Erst kommt lange Zeit gar keiner, dann gleich mehrere auf einmal. So ging es mir dieser Tage mit dem Thema „Handschrift“.

In meiner Schulzeit wurde  unwahrscheinlich viel Wert aufs Schönschreiben gelegt, die schönste Schreibschrift kultiviert. Spaß hat mir das nicht gemacht, aber ich fand es doch besser als Rechnen – von der späteren Mathematik ganz zu schweigen! Kurz und gut, man hat mir das Schreiben und Lesen beigebracht und Letzteres übe ich immer noch mit Begeisterung aus. Und was das Schreiben anbetrifft – meine ehemalige Deutschlehrerin würde nie glauben, dass ich damit heute mein Geld verdiene. Ok, weiter zur Handschrift. Meine aktuelle Lektüre ist „Cornelia“; ein Buch von Sigrid Damm, das das Leben der völlig unterschätzten und wohl auch geistig schwerst unterforderten Goethe-Schwester thematisiert. Bis in die feinste Verästelung folgt die Autorin den Gefühlen, den Überzeugungen und schließlich auch dem Scheitern in einer großbürgerlichen Welt, in der Frauen letztlich nichts als Zierrat waren. Woher Sigrid Damm die Regungen der Cornelia Goethe so genau kannte? Aus Briefen. Bergen von Briefen. An die Eltern, an den Bruder, an Freundinnen und Freunde. Auch die Antwortbriefe sowie die Korrespondenz der angeschriebenen Freunde untereinander hat Damm verwendet.

Wie ist es aber um die Briefkultur von heute bestellt? Die Antwort ist kristallkar: schlecht, extrem schlecht! Mit der Technisierung der Welt hat die Handschrift – und in der Folge der Brief – stark an Bedeutung verloren. Diese Entwicklung hat spätestens mit der Erfindung der Schreibmaschine begonnen und mit E-Mail-Programmen und SMS ihren Lauf genommen. Jede Zeit nutzt eben genau die Kommunikationsmittel, die ihr zur Verfügung stehen. Cornelia Goethe genauso wie wir heute.

Es ist also nichts Verwerfliches daran, dass wir statt Füllfederhalter nur noch auf Tastaturen herumtippen – aber es ist doch irgendwie schade. Eine elektronisch übermittelte Nachricht kann man nicht ans Herz drücken wie einen mit der Hand geschriebenen Liebesbrief auf rosenbeduftetem Papier. Eine E-Mail mit Genesungswünschen lässt sich im Krankenhaus nicht so Mut machend am Bett aufstellen wie eine handgeschriebene Karte.

Vielleicht ist das alles aber auch nur mein subjektives Empfinden. Ganz und gar objektiv ist es aber, dass der Mensch das Schreiben zwar lernen, doch leider auch verlernen kann. Aber Übung macht den Meister … In diesem Sinne: Ich freue mich immer über handgeschriebene Karten und Briefe. Ich werde auch sicher kein Buch daraus machen.

 

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