Dienstleister oder Depp vom Dienst?

So sicher wie gegen Jahresende über das Wetter gejammert wird (es ist zu kalt, zu warm, zu viel Schnee, zu wenig Schnee und überhaupt Winter) tauchen pünktlich vor den Feiertagen gehäuft seltsame Angebote in den verschiedensten Jobbörsen auf. Üblicherweise muss man diese mindestens zweimal lesen, damit man begreift, dass es sich um keinen (schlechten) Witz, sondern um durchaus ernst gemeinte Ansinnen handelt. Gerade Kollegen mit wenig Branchenerfahrung gewinnen dabei schnell den Eindruck: Unmögliches werde grundsätzlich auf den letzten Drücker verlangt.
Ein paar Klassiker:

Da ist noch Budget übrig

Während beim Normalbürger üblicherweise am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist, beobachtet man in den Marketingabteilungen das gegenteilige Phänomen: Hier ist am Ende des Jahres häufig noch relativ viel Budget übrig, das schnell noch ausgegeben werden soll. Während bei den klassischen Medien aber technische Details wie Druckerpressen oder freie Termine von Grafikern dagegen sprechen, lassen sich Onlineprojekte vermeintlich einfach aus dem Boden stampfen: Es braucht ja „nur“ einen Texter, der die Inhalte dafür liefert. Und selbstverständlich macht dieser das gern während der Feiertage, wo alle anderen inklusive des Auftraggebers ihre freie Zeit mit der Familie genießen.

Das Ergebnis derartiger Schnellschussprojekte ist meist mehr als dürftig. Das Projekt muss also mindestens einmal überarbeitet werden, kostet also unterm Strich deutlich mehr als die Alternativen. So bietet sich etwa an, das Budget ins nächste Jahr mitzunehmen oder eine Vorschussrechnung stellen zu lassen, während das Projekt in den nächsten Monaten ohne Zeitdruck verwirklicht werden kann. Beides ist in großen Firmen und Agenturen durchaus nicht unüblich.

Das muss aber noch fertig werden

Eine beliebte Praxis ist es auch, erst einmal den Terminplan für Druck, Online-Schaltung oder Verteilung festzulegen und sich dann erst um den Inhalt zu kümmern. Weil, so ein Text, der ist ja schnell geschrieben, oder nicht? Theoretisch schon – wenn die Zeit dafür reserviert ist, schließlich sitzt ein erfolgreicher Texter normalerweise nicht nur rum und wartet auf DIESEN Auftrag. Noch besser ist es, wenn – wie jüngst erlebt – zwar ein Zeitfenster reserviert wird, aber das Briefing erst Tage später kommt: An einem Samstag! Selbstverständlich wird dann erwartet, dass die Abgabe wie vereinbart am Montagfrüh erfolgt, es müssen ja die Termine eingehalten werden. Das Erstaunen darüber, dass dies eben nicht möglich ist, ist dann immer groß. Nur: beim Frisör taucht man auch nicht zwei Stunden später auf und erwartet, dass dieser in den 15 Minuten bis Geschäftsschluss eine Ballfrisur zaubert (die Damen wissen das und die Herren bekommen das sicher öfters nachdrücklich gesagt).

Zum Pfuschen gehören immer zwei

Dass gelegentlich mal schnell auf den letzten Drücker was gemacht wird, ist ja nicht unüblich. Etwa bei einem Stammkunden oder wenn es darum geht, bei einem Kollegen mit einzuspringen, weil ein Auftrag zeitintensiver ist. Handelt es sich dagegen um einen Neukunden, der seine Dienstleister nach diesem Kriterium auswählt, entsteht schnell folgender Eindruck: Er sieht seine Auftragnehmer nicht als Dienstleister, sondern als Deppen vom Dienst.

Allerdings sind auch die Texter selbst an dem Dilemma nicht ganz unschuldig. Gerade in der Anfangszeit als Dienstleister meint man, alles möglich machen zu müssen und auf keinen Fall nein sagen zu dürfen. Die Kunden aber gewöhnen sich schnell an diesen „Service“ und fordern ihn auch künftig ein. Doch qualitativ hochwertige Arbeit wird immer wichtiger. Und die kann eben nur jemand liefern, der sich ausreichend Zeit für seine Aufträge nehmen kann. Oder haben Sie schon von einem Frisör gehört, der gut sein soll und immer Termine frei hat?

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Harry Sochor

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